17.07.2002 00:00

Tourismus: Jede Ferienreise ein Schnäppchen


Handelszeitung vom 17.07.2002
Rüdi Steine


Auf den Flughäfen brechen die Passagierzahlen ein, die Reisebüros vermelden Minus-Rekorde. Die Reiseveranstalter geben sich zuversichtlich. Ein starker Spätersommer soll nun die Saison retten. Zweifel sind angebracht.

Gut 23% weniger Charterpassagiere verzeichnete der Euro-Airport in Basel Mulhouse allein in den ersten fünf Monaten, bei den Linienflügen sind es 13%. Eine Wende ist nicht in Sicht: Auch Juni und Juli verliefen sehr schlecht. In Zürich beträgt das Passagierminus im ersten Halbjahr über 20%. Am letzten Wochenende, dem reiseintensivsten des Jahres, waren es immer noch über 15%. Gleiches das Bild draussen auf den Rollfeldern: 34 Charter-Bewegungen weniger registrierte Unique allein am Wochenende. In den ersten sechs Monaten waren es 400 Ferienflieger weniger.
An den Flughäfen setzt sich fort, was ein paar Tage bzw. Wochen früher in den Reisebüros seinen Anfang genommen hat: Ein Nachfrageeinbruch grösseren Ausmasses. 10 und mehr Prozent weniger Buchungen beklagen die grosssen Anbieter, bei den kleinen sieht es zum Teil noch schlechter aus. Sah es, wäre beizufügen. Denn jetzt zeichnet sich an der Buchungsfront eine Entspannung ab, zumindest bei den grossen drei der Branche. Seit zwei Wochen erreichen die Buchungen wieder Vorjahresniveau. Bloss: Die Buchungswerte werden von den Reiseveranstaltern sehr teuer erkauft. Bei Hotelplan hat der Anteil der Last-Minute-Verkäufe in den letzten zwei Wochen die 30%-Marke erstmals in der Firmengeschichte überschritten.
In Tat und Wahrheit dürfte der Anteil gegenwärtig sogar deutlich höher liegen, und zwar bei allen grossen Anbietern "Wer jetzt Badeferien bucht, der will zuerst die Last-Minute-Liste sehen", umschreibt die Leiterin einer grossen Schweizer Kuoni-Filiale die momentane Situation.
*Für Reisebüros wird es eng*
Die Anbieter tragen dem Rechnung und legen auf. Kuoni beispielsweise hat speziell Last-Minute-Angebote für Familien aufgelegt. Bei Hotelplan wiederum setzt selbst der Ferienhausspezialist Interhome inzwischen auf die Günstig-Schiene. Tui schliesslich lässt seinen Direktanbieter Vögele Reisen Sonderbroschüren drucken. Eng wird es zunehmend für Reisebüros. In einer Umfrage des Branchenverbandes Swiss Travel Association of Retailers (STAR) rechnet mehr als die Hälfte mit Mindereinnahmen von 5 bis über 20%. Die meisten verzeichneten in den ersten sechs Monaten Einbussen zwischen 10 und 20%. 25 Retailer sind im ersten Halbjahr bereits pleite gegangen, wie Creditreform vermeldet; 12 mehr als im Vorjahr.
Der Druck wird in den kommenden Wochen und Monaten weiter zunehmen. Denn die negativen Auswirkungen der Buchungsflaute schlagen sich mit einer gewissen Verzögerung in den Büchern nieder. Die Nagelprobe, so vermutet daher Urs Herzog, Geschäftsführer des Garantiefonds im Fachblatt "Schweizer Touristik", stehe erst noch bevor.
Die Reisebüros haben bereits erste Konsequenzen gezogen und ihr Sortiment weiter gestrafft. Der Trend, dass sich Reisebüros auf wenige Veranstalter beschränken, hat sich in den letzten Monaten jedenfalls nach Beobachtungen von Branchenkennern weiter akzentuiert. Aus dem Sortiment fliegen vor allem kleinere Veranstalter und weniger bekannte Marken. Reisebaumeister (RBM), die Nummer vier der Branche, kommt solches inzwischen zu spüren. Im Juni hat er insgesamt 15% weniger verkauft als 2001. Im Badesegment dürften es gar über 20% gewesen sein. Und auch der Juli hat sich schlecht angelassen, wie RBM-Chef Oskar Laubi ausführt. Das Minus liegt knapp unter 10%. Die Konzentration auf weniger Veranstalter bei Reisebüros dürfte dabei eine Rolle spielen, vermutet Laubi.
Ob der Herbst besser wird? Kuoni und Hotelplan sehen klare Anzeichen dafür, Laubi dagegen nicht. Um die Kadenz zu wahren, sind die Veranstalter gezwungen, weiter mit Last-Minute-Angeboten zu agieren. Sie werden nicht nur beim Umsatz, sondern vor allem beim Ertrag für gehörige Schlaglöcher sorgen. Darin ist sich die Branche immerhin einig. Hotelplan, der im Frühjahr noch glaubte, Umsatz und Gewinn steigern zu können, rechnet heute mit weniger Umsatz und einem deutlich geringeren Gewinn. Kuoni und Tui dürfte es nicht anders ergehen.